Von Wolfgang Reich
Der Bodensee ist das drittgrößte Binnengewässer Europas, und mit Deutschland, der Schweiz und Österreich teilen sich drei Länder seine 273 Kilometer Uferlinie. An ihr reihen sich attraktive Sehenswürdigkeiten wie Perlen auf einer Schnur auf.
Vergoldete Zwiebeltürme glitzern im strahlenden Sonnenlicht, kunstvoll geschwungene Linien und kräftige Farben verzaubern das Auge des Betrachters. Das Gebäude wirkt wie eine Fata Morgana, und dennoch ist es ganz real: die Markthalle Altenrhein, auf der schweizerischen Seite des Bodensees gelegen, eines der letzten Bauwerke, das von Friedensreich Hundertwasser entworfen wurde. Neugierig spaziert man um das fröhlich wirkende Bauwerk herum, und wie bestellt stehen einige bestens erhaltene Oldtimer vor dem Eingang zur Markthalle. Ein paar Meter weiter sitzen ihre stolzen Eigentümer, die sich hier am Sonntagmorgen regelmäßig zu „Benzingesprächen“ treffen.
Mit der Zahnradbahn durch die Bergwelt
Von der Markthalle sind es nur wenige Kilometer bis Rorschach, wo ein Wechsel auf ein anderes Verkehrsmittel ansteht: die Eisenbahn. Was wäre ein Urlaub in der Schweiz ohne eine Fahrt mit einer der vielen Eisenbahnen? In Rorschach startet die einzige Zahnradbahn der Nordschweiz, vorbei geht es an Gärten und Privathäusern durch die Bergwelt, bis nach einer knappen halben Stunde Heiden erreicht ist. Von hier hat man einen fantastischen Blick auf den Bodensee, über den gerade einige Wolken hinwegziehen, die Europas drittgrößten See in ein wechselvolles Spiel von Licht und Schatten tauchen.
Obwohl bei Touristen beliebt, ist Heiden immer noch ein verträumtes Örtchen. Jeden Samstag findet neben der Kirche ein kleiner Markt statt, auf dem Bauern und Privatleute aus der direkten Umgebung ihre Erzeugnisse feilbieten. Gelegenheit für einen Bummel und das eine oder andere Schwätzchen.
Henry Dunant-Museum und Appenzeller Käse
Vom Markt ist es ein kleiner Spaziergang in ein Museum, das man besucht haben sollte: das Henry Dunant-Museum. Fragen Sie einmal in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis, wer diesen Namen kennt. Vermutlich keiner, allenfalls wenige. Doch die Organisation, die auf seine Initiative hin gegründet wurde, kennen alle: das Rote Kreuz. 1901 erhielt Dunant, der nach seinem Ausschluss aus der Genfer Gesellschaft aufgrund geschäftlicher Probleme in Heiden in Armut lebte, zusammen mit FrĂ©dĂ©ric Passy den ersten Friedensnobelpreis.
Die Schweiz ist bekannt für ihren Käse, und das gilt auch für das Appenzeller Land. In Stein kann man in einer Schaukäserei von der Besuchergalerie verfolgen, wie der „Appenzeller“ hergestellt wird. Nebenan im sehenswerten Heimatmuseum finden sich historische Alltagsgegenstände, und im ersten Stock kann man wunderschöne Bauernschränke bewundern. Trotz des schönen Wetters und der reizvollen Landschaft: Ein Abstecher nach St. Gallen muss sein. Das Ziel: Die Altstadt mit ihren malerischen Gassen und dann natürlich die berühmte Stiftsbibliothek mit ihren kostbaren Büchern und einer prachtvollen Innenausstattung.
Fliegende Zigarren und Pfahlbauten
Mit einer Fähre geht es auf die andere Seite des Bodensees, wo weitere Sehenswürdigkeiten locken. In Friedrichshafen ist es das Zeppelin-Museum, das einen umfassenden Überblick über die Geschichte des Luftschiffbaus und das Leben des Grafen von Zeppelin bietet. Höhepunkt des Museums ist der Nachbau eines Teils der legendären „Hindenburg“ in Originalgröße. Am Himmel über Friedrichshafen und dem Bodensee ist ein moderner Nachfolger der historischen „Zigarren“ zu sehen, der dort regelmäßig seine Runden dreht. Wer über das nötige Kleingeld verfügt, kann mit dem Hightech-Luftschiff Zeppelin NT auf einem Rundflug den Bodensee aus der Vogelperspektive betrachten.
Meersburg ist einer der am meisten besuchten Orte am Bodensee – und das zu Recht. Denn Meersburg hat ein sehr gut erhaltenes, historisches Stadtbild, das sich auf Unter- und Oberstadt verteilt. Durch enge und verwinkelte Gässchen mit ihren prächtigen Fachwerkhäusern bummelt man hinauf zur trutzigen Meersburg, die hoch oben über der Stadt thront. Von hier hat man einen fantastischen Blick über den Bodensee – ein Blick, den schon die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff genoss, die hier einige Jahre lebte.
Räumlich ist es nur ein Katzensprung, zeitlich ein weit größerer: In Unteruhldingen stehen Pfahlbauten aus der Stein- und Bronzezeit, die in einem Museumskomplex rekonstruiert wurden und einen Einblick in das Leben unserer Vorfahren am Bodensee geben, die zwischen 4.000 und 850 v. Chr. mit Netzen und Harpunen auf Fischfang gingen und mit Äxten Bäume zum Hüttenbau fällten.
Wallfahrtskirche St. Maria und Gemüseinsel Reichenau
Inmitten von Weinbergen liegt die Wallfahrtskirche St. Maria, die schönste Barockkirche am Bodensee und mit einer halben Million Besuchern pro Jahr eine der Top-Sehenswürdigkeiten dieser Region. Bekannt ist diese Kirche freilich unter einem anderen Namen: die Birnau, benannt nach dem Gnadenbild der Gottesmutter von Birnau.
Als Gemüseinsel ist die Reichenau bekannt, mit fünf Kilometern Länge und eineinhalb Kilometern Breite die größte Insel im Bodensee. Hier lag einst das berühmte Kloster Reichenau, deren Kirchen heute zum Weltkulturerbe der UNESCO gehören. Denn in ihrem Innern finden sich großartige Wandbilder aus der Zeit der Frühromantik, deren Erhalt die Restauratoren heute vor einige Probleme stellt, vor allem durch die vielen Besucher.
Blumeninsel Mainau
Konstanz ist ein weiterer Ort, der zu den Hauptsehenswürdigkeiten des Bodensees gehört. Sehenswert sind die Altstadt und das Münster, dessen Bau auf das Jahr 1089 zurückgeht. Doch was wäre ein Urlaub am Bodensee ohne einen Besuch der Mainau? Vom Frühjahr bis zum Herbst verzaubert die Blumeninsel die Herzen aller Garten- und Blumenliebhaber. In der heutigen Form ist die Mainau das Lebenswerk des Grafen Lennart Bernadotte, der die Insel 1951 kaufte, als sie einem Urwald ähnelte, und der 2004 im Alter von 95 Jahren starb. Sein Leben gäbe genug Stoff für mehrere abendfüllende Filme, denn wegen seiner Ehe mit einer bürgerlichen Fabrikantentochter trat er aus dem schwedischen Königshaus aus und verzichtete damit auf eine mögliche Thronfolge.
Mehrfach haben wir auf unserer Tour um den Bodensee die Grenzen zwischen Deutschland, der Schweiz und Österreich überquert. Hätten da nicht ein paar verwaiste Grenzhäuschen gestanden, hätten wir es noch nicht einmal bemerkt.